Streben nach fremden Glück…

Eine links. Die andere Einkaufstüte rechts. Das Plastik schnitt unangenehm in die Haut zwischen Zeigefinger und Daumen. Während sie schnellen Schrittes vorwärts ging, drohte der Knoten ihres Mantelgürtels langsam dem Druck des Windes nachzugeben. Das würde zur Freilegung des fingerbreiten Kaffeeflecks auf ihrem weißen Lieblingspulli führen. Der Morgen war bereits kein guter gewesen. Sie hatte verschlafen, sich unterwegs beim Bäcker ihren morgendlichen Kaffee geholt und mit dem ersten Schluck direkt das Verbrennen ihrer Zungenspitze gemerkt. Vor Schreck hatte sie den Pappbecher fallen gelassen. Nachdem sie auf der Damentoilette des Büros ihren Pulli vergeblich mit Seife und Wasser bearbeitet hatte, zog sie sich einen Blazer über. Dankbar nahm sie zur Kenntnis, dass so immerhin kein anderer ihr Frühstück zur Sicht bekam. Der Pulli war noch Stunden danach klamm. Während sie von ihren Kunden beschimpft wurde, dachte sie darüber nach, was sie für ihre Kinder abends kochen würde. Gestern hatte sie dem Kleinsten Pfannkuchen versprochen. Und sie hatte kein Mehl mehr zuhause. Nach Feierabend langte sie über den Schreibtisch nach ihrer Tasche. Dabei fegte sie den Becher mit den gelben Bleistiften herunter. Als sie sich auf den Boden kniete, protestierten ihre Knochen knackend. Genervt sammelte sie die Stifte und abgebrochenen Spitzen auf, stand schmerzenden Rückens wieder auf und zog ihren Blazer aus. Dann hing sie ihn über die Lehne ihres unbequemen Stuhls. Die Chefin hatte den Vorschlag neuer Stühle abgelehnt. Genauso wie letzte Woche ihre Bitte um eine Gehaltserhöhung. Erschöpft lief sie zu ihrem Auto. Sie hatte morgens keinen Parkplatz gefunden und es daher weiter weg als gewöhnlich geparkt. Ein Blick auf die Benzinanzeige brachte sie zu einem Zwischenstopp bei der Tankstelle. Benzin war teurer geworden. Das Wechselgeld von 15,43 € bekam sie in Münzen zurück. Sie nahm es ohne ein Wort zu sagen hin. Zu müde war sie. Im Supermarkt entdeckte sie dann auf dem Weg zum Mehl einiges, was ihrem Kühlschrank die gähnende Leere nehmen würde. Die zwei Plastiktüten füllten sich schnell. Ihren Stoffbeutel hatte sie zuhause. Beim Einpacken des Gekauften wurde sie aufgefordert sich zu beeilen. Der hinter ihr wartende Kunde hatte es scheinbar eilig. Jetzt trug sie die Tüten zum Auto. Komplett erschöpft. Da sah sie einen jungen Mann mit Handy am Ohr an ihr vorbeigehen. Sicherlich war er nicht einmal halb so alt wie sie. So jung und sorgenfrei. Für einen Moment wünschte sie sich sein Leben.

Er stand komplett neben sich. Eigentlich wollte er nach der Uni nur noch Brot und Aufstrich für den nächsten Morgen kaufen. Sein kleiner Bruder wartete bereits auf ihn zuhause. Der Vater war geschäftlich unterwegs. Seine Mutter hatte er nie kennengelernt. Im Gang mit den Backwaren klingelte sein Handy. Unbekannte Nummer. Eine junge Frau fragte zunächst nach seinem Namen. Dann, ob er einen Augenblick hätte. Es sei dringend. Er solle sich doch einmal kurz hinsetzen. Nachdem sie hörte wo er war, schlug sie mit sanfter Stimme vor einmal an die frische Luft zu gehen. Draußen angekommen redete sie. Ein Satz reichte aus. Seine kleine Welt zerplatze. Vater hatte einen Unfall gehabt. Die Frau redete weiter. Er konnte ihr längst nicht mehr folgen. Kurz drehte sich alles, sein Kopf pochte. Gedanken überschlugen sich, übertönten ihre Worte. Dann setzte er sich in Bewegung. Wie fremdgesteuert. Er wusste nicht wohin. Oder doch. Er musste zu seinem Wagen. Er musste etwas machen. Starren Blickes überquerte er den kleinen Parkplatz. Das gelbe Licht der grellen Beleuchtung schmerzte in seinen Augen. Er blinzelte eine Träne weg. Da fiel eine Frau in sein Sichtfeld. Sie war ordentlich gekleidet und wirkte organisiert. Durchstrukturiert. Sicherlich hatte sie eine perfekte Familie. Ihr Leben im Griff. Für einen Moment wünschte er sich ihr Leben.

Wir vergleichen uns. Gleichen Schwächen und Stärken ab. Freude und Leid. Und das alltäglich. Meistens unterbewusst. Ohne ein Bewusstsein dafür zu haben, dass Vieles uns verborgen bleibt. Wir oberflächlich sind. An der Oberfläche kratzen und uns oft bloß mit unseren eigenen Vorstellungen messen. Die realitätsfern sind. Wir interpretieren Positives in den uns völlig fernen Gegenüber ein und messen unsere eigenen Gedanken und Gefühle damit.

Aber wer ist frei von schlechten Momenten? Momenten der Trauer, des Leids.

Wer ist komplett perfekt? So ganz ohne Zweifel, Macken und schlechte Angewohnheiten.

Wer ist immer glücklich? Hat nie ein Unglück erlebt und ist stets zufrieden.

Auf der anderen Seite ist das Gras grüner. Schon als Kind habe ich das gehört. Aber warum wollen wir eigentlich immer etwas anderes, etwas von Anderen. Auch, wenn es womöglich gar nicht da ist. Aus Gesichtsausdrücken leiten wir Charakterzüge ab. Aus Erfolg, ein glückliches Leben. Aus einem Talent, eine tolle Persönlichkeit. Irgendwo zeigt das ewige Streben nach Mehr, dass wir einen Antrieb haben. Allerdings bringt es auch zum Vorschein, dass es schwer fällt zu verweilen. Einfach zu genießen. Vielleicht sollten wir uns darauf konzentrieren eigene Glücksmomente zu erkennen. Und uns nicht mit erdachten Gefühlen Anderer auseinanderzusetzen. Denn wir wissen nie wie es in Anderen aussieht. Uns selbst kennen wir. Und wir können eigenes Glück spüren. Uns daran erfreuen und einen Moment verweilen. Nach einer Weile können wir uns dann weiter auf die Suche machen. Nach dem nächsten Glücksmoment.

Eine zur Normalität gewordene Ausnahmesituation…

Sehnsucht nach Kontrolle. Einer Kontrolle, die es nicht gibt. Uns genommene Spontanität. Ersetzt durch Panik. Massenpanik, die sich die Waage hält mit massiver Ignoranz. Ein ewiges Abwägen von unmöglich Abzuwägendem. Man ist eingesperrt in Sicherheit, in Freiheit ist man bedroht. Man wird beobachtet, man beobachtet selbst. Achtet auf andere und auf sich. Mal verliert man jemanden dabei, manchmal auch sich selbst. Es gibt nur Verlierer. Unendliche Verluste ohne Gewinner. Wichtig ist Zusammenhalt, ein Kollektiv. Nur kollegial ist es schaffbar und machbar. Wenn auch nicht für jeden. Denn es gibt nicht den einen, den richtigen Weg. Es gibt viele Wege, wobei einige Abzweigungen sich als Sackgassen herausstellen. Und manchmal gibt es Zweige, die dem Druck nicht standhalten. Die abbrechen, zusammenbrechen. Und all das wird in Kauf genommen um den mehrheitlichen Zusammenbruch zu vermeiden. Wir meiden unsere Liebsten, wir vermeiden negative Gedanken. Hoffen, dass sie uns nicht auffressen. Und das während andere nicht mehr unbeschwert essen können. Weil ihr Leben zugrunde geht. Sie verlieren. Sie sind die Verlierer. Verlustträger. Seien es Existenzverluste. Sei es der Verlust eines Geliebten. Es wird geliebt und doch ist Zuneigung fatal. Dasein ist nicht mehr gewünscht. Zumindest nicht im Sinne von anwesend sein. Anwesenheit und Empathie haben sich gewandelt. Man ist für jemanden da, indem man fern bleibt. Fernweh tut weh. Und doch kann es vor dem Tod bewahren. Dem Bewahrheiten der schlimmsten Ängste. Angst geht mit Alltag einher. Alltäglich ist es geworden sich zu schützen. Anderen Schutz vor einem selbst zu gewähren. Weil man eine potenzielle Gefahr darstellt. Gefährlich ist es ein Risiko einzugehen. Risikoreich zu sein ist armselig. Und selig ein jeder, welcher ohne großen Verlust daraus wieder hervorgeht. Aus ihr. Der Pandemie.