Beobachtet…

Unsichtbare Augen verfolgen einen und man ist unsicher. Diese Unsicherheit führt dazu, dass man sich verstellt. Gänzlich. Diese Augen verändern einen. Lassen einen zu einer Marionette werden und ziehen an den Fäden. Erst wenn die Augen verschwunden sind, kann man sich von den Fäden befreien und wieder man selbst sein.

Ich singe im Chor. Im Moment proben wir wöchentlich für ein neues Projekt und müssen dafür neue Melodien und Texte üben. Letzte Woche hat uns die Probe lang ein Kamerateam begleitet. Das Team hat während der Probe still gefilmt und nebenbei ein paar Fotos geschossen. Mir ist aufgefallen, dass sich alle in Anwesenheit der Kameras total verändert haben. Die Mädchen legten wert darauf immer nur ihre Schokoladenseite in die Kamera zu halten und alle waren viel unruhiger als sonst. Jederzeit wollte man wissen, wo die Kameras sind und ob sie auf einen gerichtet sind. Viele haben sich künstlich verhalten, obwohl ja bekannt ist, dass die besten Aufnahmen wohl Momentaufnahmen sind. Frei von Schauspielerei oder Positionierung. Aber in „echten“ Momenten kann man ja hässlich aussehen.
Früher auf Geburtstagspartys war es „cool“, wenn man seine Hand vor das Gesicht gehalten hat, als die Eltern Fotos machen wollten. Die Fotos wären sonst ja peinlich. Und jetzt in den Zeiten von Facebook, Instagram und Co, muss man bei jedem Foto aufpassen. Jedes Foto kann im Internet landen, daher muss man vorher schauen, ob es auch schön ist. Oder besser gesagt, ob man selbst schön ist. Die anderen sind da eher unwichtig. Wenn man mit einem Foto unzufrieden ist, dann wird augenblicklich darauf bestanden, dass das Foto sofort und auf der Stelle gelöscht wird. Und wenn man mal nicht nachsieht, dann findet man einige Tage später auf Facebook unangenehme Fotos von sich. Oder sagen wir Fotos, die nicht unsere Vorzüge zeigen. Die halt einfach echt sind. Unbearbeitet. Unverfälscht. Jeder will sich irgendwo von seiner positiven Seite zeigen. Das verstehe ich. Ich selbst bin da nicht anders. Aber ich kenne so viele Leute, die Stunden damit verbringen ihre Bilder zu bearbeiten. Damit die Nase schmaler ist und die Lippen voller. Zufälligerweise sind dann auch die Augenringe gänzlich verschwunden. Aber ich frage mich, was das bringt. Diejenigen, die einen kennen, kennen einen doch auch in echt. Wissen, wie man aussieht. Deswegen erkennen diejenigen diese Schummelei doch auch sofort. Aber trotz alledem bearbeite ich Fotos auch gerne mit Filtern und suche für meine Fotos immer nach gutem Licht, damit die Augenringe wegschummelt werden. Denn wer kann der Chance widerstehen, sich nicht besser zu präsentieren, als er eigentlich ist?