Aus Freude wird Trauer…

Ich sehe auf das schwarze Brett am Eingang meiner Schule und freue mich. Morgen werden die ersten beiden Stunden Unterricht ausfallen, da kurzfristig eine Versammlung der Schüler angesetzt worden ist. Ich frage mich, was wohl der Grund dafür sein könnte, allerdings fällt mir so spontan nichts ein, was von einer solchen Wichtigkeit sein könnte. Innerlich die Schultern zuckend trete ich von dem Brett weg und meine Gedanken wandern schnell zu anderen Dingen. Nur die Freude über die ausfallenden Stunden bleibt unterbewusst hängen.

Zuhause. Am Mittagstisch fragt meine Mutter mich, ob ich einen bestimmten Lehrer schon einmal im Unterricht hatte. Ich bejahe es. Die letzten fünf Jahre war er mein Lehrer gewesen. Jung, engagiert und immer fröhlich. Was meine Mutter mir dann mitteilt, hallt in meinen Ohren wieder. Er ist tot.

Wie in eine Starre verfallen fühle ich mich. Meine Gedanken sind wie eingefroren. Nach dem Schock kommen die Fragen. Fragen, welche unbeantwortet bleiben. Und dann das Schuldgefühl. Über die Freude der ausfallenden Stunden. Über die Versammlung, die angesetzt worden war – wegen des Todesfalls. Ich kann es nicht fassen, glauben. Es fühlt sich nicht real an. Alles erscheint irreal. Ich sehe um mich herum eine Welt, fühle mich aber nicht so, als wäre ich mittendrin. Sondern eher, als wäre ich abseits davon. Ganz für mich allein, obwohl um mich herum Menschen sind. Den Kloß in meinem Hals schlucke ich herunter und versuche mich zu erinnern. An Stunden mit dem Lehrer, an ihn als Menschen. Ich bin überfordert. Es rast alles auf mich zu. Ich werde förmlich von dieser Nachricht überrollt. Diese Nachricht, die mir zeigt, dass alles endlich ist, dass es von dem einen Tag auf den anderen Tag vorbei sein kann. Dass es jeden treffen kann und dass das Schicksal vor nichts und niemandem zurückschreckt. Wissen, welches ich vorher schon hatte, begreife ich erst jetzt. Nehme ich erst jetzt wirklich war und versuche es zu verarbeiten. Doch das braucht Zeit. Es ist schlicht und einfach zu viel. Zu viel Angst, die mit einhergeht. Zu viel Schmerz, der plötzlich da ist, zu viel Trauer. Ich schiebe es von mir weg. Versuche mich frei zu machen, doch die negativen Gefühle lassen nicht los. Sie holen mich ein. Tag für Tag. Ich wache daran denkend auf, ich schlafe daran denkend ein. Es ist überall. Ein beklemmendes Gefühl, welches mich auf meine Lippen beißen lässt und mir einen Kloß im Hals beschafft. Was vor allem einfach nicht weggeht. In jeder Sekunde begleitet es mich, bei jeder einzelnen Handlung ist es anwesend. Es lässt sich nicht verscheuchen, verdrängen. Es ist wie eine große Welle, die mir die Füße unter dem Boden wegzieht und mich überrollt. Wie ein Stein auf meiner Brust, der mir die Luft zum Atmen nimmt. Erst nach einigen Tagen nimmt dieses Gefühl ab. Es wird von der Akzeptanz abgelöst. Langsam begreife ich, ich verarbeite und kann damit leben. Lebe damit und lerne daraus zu schätzen. Das Leben, die einzelnen Momente, die jeden Augenblick ein Ende habe können. Der Schock ist nun überwunden. Ebenso die Schuld und der Schmerz. Es bleibt lediglich die Trauer. Eine Trauer, die nie ein Ende finden wird.
mourning-1665772_1920

Advertisements

13 Gedanken zu “Aus Freude wird Trauer…

    • Bei mir war es ähnlich. Dadurch, dass ich hautnah miterlebt habe wie schnell so ein einzelnes Leben vorbei sein kann, wurde mir die Kostbarkeit jeder einzelnen Minute irgendwie noch ein Stück weit bewusster.

      Gefällt mir

  1. Schrecklich. So etwas kann man in dem Moment einfach nicht begreifen. Und es dauert, um zu wissen der Mensch wird nicht mehr da vorne stehen, weil dieser Mensch einfach nicht mehr ist. Egal wie nah einem diese Person stand, der Tod ist immer erdrückend und sehr beängstigend. Umso schöner das geteilte Leid, was uns gleich einen Teil der Last und Trauer nimmt. Fühl dich gedrückt.
    Dennoch merke ich an: Ein Text der berührt und wunderschön formuliert ist. Könnte sie sehen was du hier geschrieben hast, wäre sie sicher sehr gerührt…

    Gefällt 1 Person

  2. Solche Situationen sind immer schwierig und es ist gut und wichtig die Traurigkeit zuzulassen und sich mit dem Thema auseinaderzusetzen. Der Tod ist Teil des Lebens und wir sollten umso mehr lernen das Leben zu schätzen und Gutes zu tun um und alles hier die Zeit schön zu gestalten. Viel Kraft.

    Gefällt 2 Personen

  3. Tja, so ist das Leben.
    Meine damalige Lateinlehrerin wurde damals ersetzt und ich gab mich damit nicht wirklich zufrieden. Ich mochte sie wirklich, sie war besonders und sie war meine Vertrauensperson.
    Dann der große Schock, sie hatte einen Schlaganfall erlitten, der so heftig war, dass sie weder eine ihrer 7 Sprachen beherrschte, noch Lesen und schreiben konnte.

    Dementsprechend musste sie natürlich ganz neu anfangen. So etwas finde ich mehr als bedauernswert und ziemlich schade. Ändern können wir leider nichts daran.

    Gefällt 2 Personen

  4. Krankheit,Unfall, Selbstmord? Dass Menschen sterben, ist Teil des Lebens. Ein anderer Lehrer hat vielleicht ein Kind bekommen? Wie es in dem einen Fall ein Grund ist zu trauern, ist es in dem anderen ein Grund der Freude, alles legitime Gefuehle!

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s