Wenn der Tod naht…

Verlust ist wohl meine größte Angst überhaupt. Unfreiwilliges Abschiednehmen von jemandem, der einem viel bedeutet. Zu wissen, dass man nie wieder in die Augen des Anderen blicken wird, nie wieder dessen einzigartigen Geruch einatmen wird. Es ist eine grausige Vorstellung, die einem das Herz zerreißt. Man hat Angst vor dem Verlieren. Aber nichts ist endlich. Ein Leben schon gar nicht. Es kann jederzeit passieren. Jederzeit kann der Tod wie eine Greifzange jemanden aus dem Leben nehmen. Jemanden, der einem Nahe steht. Plötzlich, ganz unerwartet kann es passieren. Man kann es nicht steuern. Aber was, wenn der Tod sich andeutet? Wenn man ihn schon spürt, bevor er da ist. Wenn man weiß, dass er bald eintreten wird. Und jemanden aus dem Leben reißen wird, den man liebt. Es macht etwas mit einem. Mit den eigenen Gefühlen, wenn man bei demjenigen ist. Man verhält sich anders. Ist vorsichtiger, netter, aufmerksamer. Aufmerksam, weil man alles erinnern möchte und nichts falsch machen möchte. Nicht in den möglichen letzten Stunden. Denn so soll es nicht enden. Man versucht sich jeden Moment einzuprägen. Denn bald könnten gemeinsame Momente der Vergangenheit angehören. Bei jedem Abschied hat man ein mulmiges Gefühl. Denn es könnte der Letzte sein. Mit diesem Bewusstsein verabschiedet man sich. Als wäre es das Letzte. Immer und immer wieder. Und bei jedem Wiedersehen schwingt ein Fünkchen Erleichterung mit. Erleichterung darüber, dass der Tod noch nicht eingetreten ist. Diese Erleichterung wird von Wiedersehen zu Wiedersehen größer. Genauso wie das mulmige Gefühl sich von Abschied zu Abschied stärker bemerkbar macht. Es ist unerträglich. Man denkt an Abschied, obwohl derjenige noch da ist. Einem ist schlecht, obwohl es dem Anderen noch gut geht. Und nicht zuletzt weint das eigene Herz, obwohl derjenige noch vor Freude lacht.
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19 Gedanken zu “Wenn der Tod naht…

  1. Wieder einmal hast du deinen Text so lebendig und glasklar formuliert, dass ich genau nachvollziehen kann, wie du dich fühlst. Manchmal wache ich nachts auf und horche auf die Atemzüge meines Partners, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung ist. Oder betrachte die schlafenden Katzen, bis ich sehe, dass sie regelmässig atmen.

    Als meine Hündin älter und älter wurde ging es mir auch so. Jedes Mal, wenn ich sie sah, wusste ich, dass es das letzte Mal sein könnte. Jetzt vermisse ich sie immer noch.

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    • Schön, dass du genauso fühlst. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich zu ängstlich in Bezug auf den Tod von Nahestehenden bin. Aber letztendlich bin ich machtlos meiner Angst gegenüber und kann meine Gedanken ja auch nicht einfach abstellen.
      Danke dir für deine lieben Worte!
      moteens

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    • Danke dir für die Nominierung! Das ehrt mich wirklich sehr. Allerdings habe ich bereits mehrmals mitgemacht und für mich entschieden, dass ich keine weitere Nominierung mehr annehmen möchte. Nichtsdestotrotz freue ich mich sehr darüber, dass mein Blog dir zu gefallen scheint und hoffe, dass du mir das nicht böse nimmst. Danke dir nochmal!!

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  2. Schreibst du von jemand bestimmten?
    Ich weiß ja gut, wie man meinem aktuellen Text vermutlich entnehmen kann wie es ist, wenn man weiß dass der Tod die Person bald einholen wird.
    Aber weißt du, einerseits müssen wir das Ganze rational sehen, denn 1. das ist das Leben und 2. der Leidensweg der Person endet endlich.
    Ich bin fest davon überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Das macht das Vermissen der Person hier auf der Erde zwar nicht besser, aber das Glauben an Gott und ein Leben danach trösten mich sehr. Es nimmt mir zumindest etwas die Angst und ein Fünkchen freude ist da, weil ich weiß ich sehe die geliebten Menschen wieder.
    Das mit dem Ausmalen der Gefühle kenne ich nur zu gut, aber du musst gucken ab welchem Punkt es dir schadet, anstatt es dich befreit, dann solltest du dir vielleicht Hilfe suchen 🙂

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    • Der Text hat nicht die Basis einer bestimmten Person. Um ehrlich zu sein hat mich sogar unser Hund dazu inspiriert. In den letzten Monaten ist sie merklich müder geworden und jedes mal wenn ich aus dem Haus gehe, sehe ich sie an und in mir entsteht ein mulmiges Gefühl. Was, wenn sie nicht mehr da ist, wenn ich heimkehre? Während des Schreibens habe ich zugegeben auch an andere Menschen gedacht. Rational befrachtet sind natürlich viele Gefühle unnötig, aber irgendwo sind Gefühle auch wichtig. Beim Schreiben lasse ich immer meinen Gefühlen freien Lauf. Und es ist schön, wenn die Gefühle beim Lesen rüberzukommen scheinen. 🙂

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      • Schreiben ist einfach wunderbar um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und sich auch über seine Gefühle klar zu werden. Wie oft hatte ich schon ein Thema in Kopf über das ich schreiben wollte und beim Schreiben hat sich das Ganze dann in eine komplett andere Richtung entwickelt… Schreiben ist einfach wunderbar.

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  3. Ich bin soooo viel älter als Du, aber mich beschäftigt das überhaupt nicht! Sterben ist Teil des Lebens und wenn es soweit ist, muss ich mich damit auseinandersetzen….mich beschäftigt das Leben viel zu sehr. Dementsprechend kann ich den wirklich schön geschriebenen Text nicht wirklich nachempfinden!

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    • Ich denke, dass meine Gefühle der Tatsache geschuldet sind, dass ich mir immer alles in hundertfacher Ausführung ausmale. Auch, wenn ich nichts ändern kann, nicht über Leben und Tod bestimmen kann, denke ich oft darüber nach. Ich bin sehr stark von meinen Gefühlen abhängig und kann, auch wenn ich in der Realität nichts ändern kann, sie nicht aufhalten. Ich stelle es mir irgendwo befreiend vor keinen Gedanken an Dinge zu verschwenden, die unbeeinflussbar sind. Und doch, kann ich meine Gedanken nicht stoppen.

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  4. 😢Der letzte Satz hat mich tief berührt. Tränen im Auge die ich zwanghaft versuche wegzublinzeln. Ich denke du weißt wie sehr nahe mir das Thema geht, und du weißt was ich über dieses Thema denke. Verlust ist ein Arschloch. Wunderschön geschrieben. Sehr emotional.

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  5. Vielleicht bin ich ja gefühlskalt. Man kann die momentane Lage sowieso nicht beeinflussen. Ergo nehme ich es hin. Auch besuche ich Gräber und Beerdigungen nicht- kenne die Lagen meiner Omas und meines besten Freundes nicht. Trauerte ich? Klar, doch ich erinnere mich gern an die guten Zeiten.
    Gott und Religion sind für mich Erfindungen dr Menschen 🙂

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    • Wenn ich merke, dass das Ende naht, bin ich automatisch vorsichtiger, versuche die eventuell letzten Momente so gut wie möglich zu nutzen. Vielleicht mache ich mir einfach zu viele Gedanken. Oftmals bin ich sehr emotional und in meinen Gedanken spielen sich Tausende mögliche Szenarien ab. Mich lässt es einfach nicht kalt, auch, wenn ich es sowieso nicht beeinflussen kann. Das ist wahrscheinlich bei jedem Menschen einfach verschieden.

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