Wenn ich deine Probleme hätte…

Meistens kommt er ganz unerwartet. Dieser eine Satz, der so anklagend und abwertend ist und einen selbst zurücklässt mit dem Gefühl, dass man selbst undankbar ist. Undankbar für die Probleme, mit welchen man sich herumschlägt. Probleme, die im Verhältnis zu anderen Problemen, Problemen anderer Personen, klitzeklein erscheinen. Die überhaupt gar nicht nennenswert zu sein scheinen. Denn man verhöhnt damit die richtigen, schweren Probleme, von denen man selbst ja überhaupt keine Ahnung hat.

„Wenn ich deine Probleme hätte,…“

Dieser Satz steht einfach so im Raum und man fühlt sich lächerlich. Man fragt sich, weshalb man überhaupt davon berichtet hat. Und gleichzeitig lässt der Satz die Person, von der er stammt, bemitleidenswerter aussehen. Vielleicht auch ein wenig ehrwürdiger, denn diese Person hat sich ja mit so vielen Problemen rumzuschlagen, die offenkundig viel größer und schwerer sind, als die eigenen.

„…dann wäre ich wirklich froh!“

Das eigene Problem, welches zuvor um einiges heruntergestuft worden ist, wird von der einen Sekunde auf die Andere in Luft aufgelöst. So, als wenn ein unecht war. Eben kein richtiges, hartes Problem. Welches es wert ist, dass man sich den Kopf darüber zermartert. Nein, dieses war nur ein vorgeschobenes, Möchtegernproblem, welches lediglich Mitleid hervorrufen sollte. Oder auch Akzeptanz und Anerkennung. Vor allem wohl das. Denn wenn jemand sich mit großen Problemen und Sorgen quält und diese schließlich bewältigt, dann hat er doch wohl Anerkennung verdient. Dafür, dass er seine eigenen Probleme in den Griff bekommen hat. Probleme, die es wert sind genannt zu werden.

„Wenn ich deine Probleme hätte, dann wäre ich wirklich froh!“

Ich lächle und schweige. Doch das ist nur eine Fassade. Eine aufgesetzte Maske. In mir geht es derweil anders zu. Ich habe den Mut aufgebracht und das Vertrauen in die Person meine Probleme zu teilen und dann kommt das. Dieser Satz, den ich erst einmal verarbeiten muss. Dass ich nie wieder ein Problem mit der Person teilen werde, ist klar. Dass diese Person zu bemitleiden ist, ebenfalls. Denn in einer, für mich bedeutsamen, Situation stellt sie sich in den Mittelpunkt. Sie nutzt die Gunst der Stunde um sich besser, bemitleidenswerter, anerkennenswerter darzustellen und zieht meine Probleme ins Lächerliche.

„Du hast aber Probleme!“

Oftmals fällt dieser Satz auch in Alltagssituationen. Letztens ist mir ein Nagel eingerissen und als ich das genervt kundgetan habe, wurde dieser Satz mir entgegengeknallt. Dass ein eingerissener Nagel nicht mein größtes Problem ist, ist wohl offensichtlich und doch tat man so, als wenn es das wäre und ich mich darüber freuen sollte, anstatt zu jammern.
Freuen darüber, dass mein Problem so klein isr. Aber wer sagt denn, dass ich nicht noch mehr, größere Probleme habe?

Und meiner Meinung nach darf auch mal jammern. Auch wegen kleiner Sachen, die verhältnismäßig zu anderen Problemen vielleicht winzig erscheinen. Nicht ständig, aber auch Kleinigkeiten können einen schließlich auf die Palme bringen. Dafür sollte man sich nicht schlecht fühlen müssen. Und dieser abwertende Satz macht es auch nicht besser. Denn er lässt einen zusätzlich auch noch lächerlich erscheinen. Und wer will das schon?
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15 Gedanken zu “Wenn ich deine Probleme hätte…

  1. Ich kann mich da Dir und meinen Vorrednern nur anschließen, einer der schlimmsten Sätze denn man benützen kann … Zumal manchmal ja doch auf einen Berg von Problemen/Ungereimtheiten über welche man nicht spricht, dann der abgebrochene Nagel das i-tüpfelchen darstellt über das man sich ausk*tzt und seinen Frust ablässt …

    Wenn mir jemand so kommt entgegne ich dann oft recht spitz „und was sind deine Probleme im Vergleich mit den Problemen überall sonst auf der Erde …“

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    • Und wenn man dann eben genau so etwas entgegnet, kommen meist klein haltende, entwaffnende Antworten wie „Das verstehst du eh nicht“ oder „Das kannst du dir doch gar nicht vorstellen“, die dich nochmal lächerlicher, armseliger und vor allem undankbarer dastehen lassen. Undankbar dafür, dass deine Probleme verhältnismäßig klein sind.

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  2. Oh man, du hast so Recht. Das ist echt respektlos, so über die Gefühle eines anderen zu urteilen. Es kommt halt immer auf die Perspektive an. Andere können halt nicht nachvollziehen wie sehr dich dieser eingerissene Nagel jetzt halt einfach nervt. Müssen sie auch gar nicht. Aber sie sollten dich respektieren.

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  3. Deine Gedanken kann ich so gut nachvollziehen. Für mich ist es eine Hürde, mich mit meinen Problemen mitzuteilen. Es kommt vor das ich nur von einem kleinen erzähle um zu sehen, wie es der andere aufnimmt und damit umgeht. Nimmt mich mein Gegenüber wahr? Nur wenn ich da Sicherheit spüre, kann ich mich öffnen. Zu oft, scheitert das Gespräch, gar eine Freundschaft an eben dieser Hürde.

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    • Das kenne ich selbst auch zu gut. Man fängt klein an, um den anderen nicht direkt zu überfordern und zugleich sich selbst sicherer zu fühlen. Wenn das Gespräch nach hinten los geht, dann hat man nicht so viel zu verlieren, denn die großen Probleme, die einen verwundbar machen, hat man noch für sich behalten.

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  4. Dieser Satz „wenn ich Deine Probleme hätte“ ist furchtbar und so wie Du das beschreibst, das hat nichts mit Einfühlungsvermögen und Wertschätzung zu tun, absolut nix.
    Derjenige, der so etwas sagt, hat wenig empathische Fähigkeiten oder es ist ihm schlicht egal, wie es Dir geht.
    Die besser Antwort wäre wohl in der Art „Erzähl mal, was Dich bedrückt, bitte…“

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  5. …Wenn ich deine Probleme hätte…hat das schon mal wer zu dir gesagt? Ich find so etwas mies. Auch wenn manche Probleme kleinen scheinen, weniger schlimm als die krassen Dinge, Hungernöte, Krieg, eigentlich geht’s einem ja gut, sind Probleme für jeden anders. Anders schlimm anders überwiegend anders gravierend. Das Thema hatte ich letztens auch mit meiner Schwester. Zu ihr sagte ich das Problem entsteht im Kopf. Da kann etwas kleines für einen selber zu etwas großem werden. Warum sollte man das nicht teilen dürfen? Mit jemandem dem man vertraut, auf deren Unterstützung man hofft!? Schließlich ist man zusammen gleich weniger allein. Danke für den Beitrag und dass ich mich dadurch nochmals mit dem Thema auseinander setzen durfte. Du hast das wirklich schön geschrieben und beschrieben und ich empfinde gleich ein bisschen mit über die krasse Ausdrucksweise eines solchen Satzes, der letzte den man in Situationen von Sorgen und Problemen eigentlich hören will..

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    • Tatsächlich habe ich den Satz schon mehrmals gehört. Immer in kleinen Situationen, in denen offenkundig war, dass der Sagende damit nur selbst Aufmerksamkeit bekommen wollte. Und wenn man dann nachgefragt hat, kam so eine schlammige Antwort wie „Alles“ heraus. Das sind dann immer Momente, in denen ich für das nächste Mal schon weiß, dass ich sicherlich kein anderes mit der Person je wieder teilen werde. Und es freut mich unheimlich, dass dieser Beitrag dich zum Nachdenken angeregt hat, denn eben das will ich irgendwo erreichen… 🙂

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  6. Manchmal ist es ja auch so, dass man innerlich schon an einem oder mehreren Problemen arbeitet, wovon der andere nicht unbedingt weiß, und kann halt ein eingerissener Nagel – wie man so sagt – das Fass zum Überlaufen bringen. Ich kann das gut verstehen.

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