Angst vor dem Zerstörtsein…

Es gibt immer mal wieder Niederlagen, Rückschläge im Leben. Manchmal läuft eben nicht alles so, wie man es möchte. Manchmal läuft es eben schlecht. Sehr schlecht. Und das ist auch irgendwo gut so. Denn wenn wir nicht auch mal enttäuscht werden vom Leben, würden wir die positiven Sachen doch gar nicht so sehr schätzen, wie wir es eben tun.

Und dennoch sind wir jedes Mal wieder am Boden zerstört. Es ist, als ob jemand uns den Boden unter den Füßen wegreißen würde. Aber anstatt im Boden zu versinken, schweben wir in der Luft. Völlig hilflos, ängstlich und verunsichert. Wir fühlen uns wie ein Scherbenhaufen. Vorher waren wir eine Vase, doch wir gingen zu Bruch. Und nun liegen wir dort. Am Boden, zerstreut und zerstört und sind angewiesen. Angewiesen auf jemanden, der uns aufsammelt, uns zusammenklebt, uns wieder in Form bringt. Einigermaßen zumindest. Denn es dauert, bis der Kleber durchsichtig wird und unsere Teile wieder zu einem verschmelzen. Es braucht Zeit, bis wir wieder wir sind. Uns selbst lieben und zufrieden sind. Zufrieden mit uns selbst. Es vergeht einige Zeit, bis wieder Blumen in die Vase gestellt werden können.  Bis wir über die schönen Dinge im Leben wieder lächeln können. Und obwohl wir wieder wir selbst sind, haben wir uns verändert. Die Niederlagen haben uns verändert. Sie haben kleine Risse hinterlassen. Auf den ersten Blick bemerkt man sie nicht. Erst, wenn man ganz genau hinschaut, sind sie zu sehen. Sie zeichnen uns, machen uns aus. Zeigen, was wir überstanden haben, was wir erlebt haben, wie stark wir sind. Wie besonders wir sind. Es gibt unendlich viele Vasen. Kleine, große, breite, schmale. In allen Farben und Mustern. Und doch sind sie alle auf den ersten Blick ähnlich. Erst, wenn man näher hinsieht, sieht man die Eigenarten der jeweiligen Vase. Die Besonderheiten, die sie ausmachen. Aber dazu braucht es zwei Voraussetzungen. Zum einen muss man bereit sein ganz genau hinzuschauen, sich die Besonderheiten überhaupt erst anzuschauen und sich nicht lediglich von den Oberflächlichkeit täuschen zu lassen. Und zum anderen muss die jeweilige Person bereit sein sich zu öffnen. Sie muss bereit sein ihre Risse zu offenbaren, sie zu zeigen und damit verwundbar zu werden. Verwundbar gegenüber dem Betrachter. Denn die Risse sind zwar einigermaßen verheilt, aber wenn man draufschlagen würde, würde die Vase sofort zerspringen. So, dass wieder alle Scherben über den Boden verteilt wären. Dass eine erneute Niederlage zu überwinden wäre. Und ist es nicht genau das, wovor wir uns selbst schützen wollen? Vor Niederlagen, vor dem Zerstörtsein. Wenn wir also jemanden unsere Risse zeigen, dann ist das ein Ausdruck puren Vertrauens. Das Vertrauen, dass er uns nicht irgendwann kaputtmacht.

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8 Gedanken zu “Angst vor dem Zerstörtsein…

  1. Oh mei. Das ist SOSO schön geschrieben, geht mir gerade sehr sehr nahe. Du wirst wissen wieso. Deine Worte berühren mich zutiefst, der Text, der so ehrlich ist und echt! Danke dafür. Der Vergleich für die Risse mit der Vase sind eine Sensation! Mag ich sehr!!!❤️

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  2. Sehr wahr geschrieben, aber eins vergessen: Wir wachsen! Auch in der Fläche! Da wo die Sprünge waren, ist, nach einiger Zeit zumindest, eine Schicht drüber gewachsen. Die Sprünge scheinen noch durch, aber nicht viel mehr.

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