Zerstörte Kindheitserinnerung…

Früher als Kleinkind hatte ich eine Puppe. Eine, die immer da war, die immer bei mir war. Lucy. Ich habe sie überall hin mitgenommen. Ob in den Kindergarten, zum Spielen oder auf Reisen. Lucy war immer und überall dabei. Stetig in meiner Hand und wenn sie mal fort war, dann hörten meine Tränen nicht auf meine Wangen hinunterzulaufen und ich war todunglücklich. Solange, bis ich sie wieder in den Händen hielt und sie an meiner Seite wusste. Lucy wurde von mir bekleidet, frisiert und zurechtgemacht. Hüte habe ich für sie gebastelt und kleine Schuhe. Eines Tages merkte ich auf einmal, dass sie nicht mehr an meiner Seite war, dass sie weg war. Ich hatte sie am Flughafen verloren und sämtliche Versuche meiner Eltern die Puppe zu finden, waren scheinbar sinnlos. Ich kann mich nicht mehr genau an die zeitlichen Abstände erinnern, aber irgendwann, als wir wieder zuhause waren, reichte meine Mutter mir ein Paket. Sie sagte, dass es für mich sei. Ich war total aufgeregt, denn ich hatte nie zuvor ein Paket geschickt bekommen. Als ich es neugierig aufriss, blickte ich in die Augen von Lucy. Meiner Lucy. Meine Mutter erklärte mir, dass Lucy nun eine Weltreise hinter sich hätte und es nicht abwarten konnte, wieder zurück zu mir nachhause zu kommen.
Ich war das glücklichste Kind der Welt, als ich die Puppe wieder in den Händen hielt.

Gestern in der Eisdiele erinnerte ich mich an die Geschichte und erzählte sie meiner Mutter. Die lachte nur und meinte, dass sie fünf von diesen Puppen gehabt hätte. Fünf Lucys. Da ich nie ohne meine Puppe sein konnte, hat sie Lucy immer ausgetauscht, nachdem ich sie dreckig gemacht hatte. Und das kam wohl sehr häufig vor. Der Stoffkörper der Puppe war sehr schmutzempfindlich und da ich es nicht zugelassen hätte, dass meine Mutter Lucy in das Waschmaschinenmonster steckt, hat sie die Puppe einfach ausgetauscht. In eine andere Lucy. Ich hatte ganze fünf Lucys und dachte es wäre immer dieselbe. Irgendwie fühlten sich die ganzen Erinnerungen an Lucy gleich ganz anders an. Schließlich dachte ich immer, dass ich meine gesamte Kindheit mit einer Puppe durchlebt habe. Mit einer einzigen und nicht mit fünf, die gleich aussehen. Zwar hatte ich schon vermutet, dass meine Mutter eine neue Puppe gekauft hatte, nachdem Lucy verschwunden war, aber dass sie jederzeit welche in Reserve hatte – da wäre ich nie drauf gekommen. Und es bricht mir ein bisschen das Herz meines dreijährigen Ichs, welches immer noch irgendwo in mir ist.
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42 Gedanken zu “Zerstörte Kindheitserinnerung…

  1. oh ich kann das absolut nachvollziehen….dein 3 Jähriges Ich darf ruhig enttäuscht sein.Trotzdem Hut ab für deine Mama…sie hat es aus Liebe gemacht und wahrscheinlich auch um zusätzlich beruhigt zu sein, das ihre kleine Tochter immer eine Freundin haben wird. etc. …

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    • Sie hat mir erzählt, dass ich die Puppe so oft fallen gelassen habe, sodass sie vollkommen dreckig war. Zudem hatte sie Angst, dass ich sie einmal verlieren würde und nicht mehr aufhören würde zu weinen. Von daher war es sehr schlau mehrerer Puppen zu haben. Aber trotzdem fühlt sich dieses Wissen jetzt irgendwie komisch an…

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      • bei meiner „Schnucki“ wäre es auffällig gewesen…hatte teilweise Haare beim Frisör lassen müssen und bekam „Stiftschminke“….interessant ist, das du dir dessen bewusst warst, im Nachhinein, dass es Lucy 2 mal gab…die Tatsache das es 5 waren ist nun mal das erschreckende…ich denke, dass viele Eltern mittlerweile dieses Tauschsystem haben. Habe es bereits häufiger gehört. Den Verlust den das Kind spüren würde, will man ihm ersparen und sich selbst die Erklärnot etc. Manche Kinder bemerken sicherlich, das es nicht die „wahre“ Freundin ist bzw. der Freund….andere nehmen Nr.2 nicht an…sie riecht nicht genauso, sie hat nicht die bekannten Flecken….und sie haben kein wirkliches Zeitgefühl…hätte ja auch sein können, dass sie einfach nur in der Wäsche war und schnell wieder trocken wurde… 😉 …eigentlich total toll, dass du so viele „Freundschaften“ pflegen durftest.. in so jungen Jahren….und das Kindsein so viel größer war als die „Wirklichkeit“….zumindest dafür 😉 ….

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      • Eine interessante Perspektive und irgendwie stimmt es tatsächlich. Dass ich den Austausch an Flecken nicht erkannt habe, erscheint mir im Nachhinein auch komisch, aber als Kind glaubt man ja meistens das, was man sieht. Nie im Leben wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass meine Puppe mehrmals existiert. Das hätte mein kleines Gehirn damals noch gar nicht verstanden.

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      • 🙂 es gibt nun mal so viele Perspektiven…..es gibt ja auch nicht nur schwarz und weiß…die Grauabstufungen sind genauso interessant…positiv Erscheinende und die die einen runter ziehen…du entscheidest selbst wohin der Fokus gerichtet ist.

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  2. Aaaw. Irgendwie niedlich. Und total verständlich dass sich das nun- Jahre später trotzdem für dich noch seltsam anfühlt. Kommt es doch fast einem Trugbild gleich. Eine Puppe, die nicht eine ist, sondern fünf. Eine Puppe die vorgibt etwas zu sein was sie nicht ist: Ein und die Selbe Lucy. Die Lucy, die mit dir durch dick und dünn ging. Kein Wunder wenn Lucy2 dich blöde anguckt, als du ihr erzählst wie schön der Ausflug war, der mit der bunten Sommerwiese: ~Lucy, erinnerst du dich daran, du warst doch mit..~ , den zwitschernden Vögeln und das leichte Rauschen des Windes der durch die Blätter fegt. ~Erinnerst du dich Lucy!?~ Große hoffnungsvolle Augen blicken in das Gesicht von der Puppe die meint deine Lucy zu sein. Lucy 2 kann nur nicken und ja sagen obwohl sie keinen Schimmer hat was zur Hölle du wohl meinen könntest, denn sie ist ja nicht Lucy, sondern Lucy2 und wurde einfach ersetzt.

    Ich kann es mir so lebhaft vorstellen, dieses Kind mit der Freude in den Augen und der Hoffnung auf Lucy und ihr Wiederfinden! Ein toller Beitrag! Ich habe mich ganz wunderbar unterhalten gefühlt! Vielen Dank dafür!🙂

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    • Oh, Dankeschön, das ist echt lieb von dir! Ja es ist irgendwie seltsam, denn in meiner Erinnerung ist nur eine Lucy, die überall dabei war. Wenn ich jetzt an mehrere Puppen denke, die einfach nur gleich aussehen, fühlt sich die Bindung dich ich zu Lucy als Kleinkind innerlich aufgebaut hatte, irgendwie betrogen an. Aber ich denke, dass ich das Gespräch mit meiner Mutter einfach verdrängen werde, sodass in meinem Herzen immer nur die eine Lucy bleibt, meine Lucy.

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