Ich bin behindert…

Worte, die der Wahrheit entsprechen. Die auf mich zutreffen. Leider.

Mein Blog ist mir in letzter Zeit sehr ans Herz gewachsen. Ich schreibe Gedanken, die sonst nur in meinem Kopf existieren würden, nieder und teile Vieles. Viel Persönliches. Lange habe ich überlegt, ob ich es erzählen soll. Aber es gehört zu mir. Ist ein Teil von mir und daher habe ich mich dafür entschieden.

Ich habe eine Behinderung.

Seit meiner Geburt habe ich eine Muskelschwäche, die mich einschränkt. Als Außenstehender verbindet man mit Behinderung oftmals einen Rollstuhl und ein „anderes“ Aussehen. Aber das trifft auf mich nicht zu.  Meine Behinderung wirkt sich lediglich auf meinen Körper aus. Das Gehirn ist nicht betroffen. Ich kann auch „normal“  leben. Nur bin ich etwas eingeschränkt in meinem Tun und Handeln. Ich kann mich ganz „normal“ fortbewegen, allerdings kann ich nicht rennen. Allgemein kann man sagen, dass ich einfach schwächer als Andere bin. Körperlich versteht sich.
Es fällt mir schwer meine Krankheit zu beschreiben, zu erklären. Vielleicht liegt es daran, dass sie keinen Namen hat. Noch nicht. Man kann schließlich nichts benennen, wenn man den Ursprung nicht kennt. Und den kennt man in meinem Fall nicht. Noch nicht. Es wird noch geforscht. Scheinbar hat kein anderer Mensch so etwas. Zumindest ist kein anderer Fall bekannt.

Ich bin ein Einzelfall. Etwas „Besonderes“, wie die Ärzte es oft nennen. Hört sich gut an. Ist es aber nicht. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es einfach ist. Wenn ich behaupten würde, dass ich mir manchmal nicht wünsche „normal“ zu sein. Aber Wünschen hilft nicht. Macht es nicht besser. Und vor allem bringt es nichts. Ich lebe damit. Das muss ich wohl. Und ich kann mit meiner Behinderung umgehen. Habe mich damit zwangsläufig abgefunden und arrangiert. Schließlich kenne ich es ja auch nicht anders. Ich frage mich, was ich alles erzählen soll. Was wichtig ist und was auch von Belangen ist.

Letztens hat mir ein Arzt „meine“ Akte hingelegt. Die war dicker als so manches Buch, welches ich gelesen habe. Und ich lese dicke Bücher. Ich war ernsthaft erstaunt. Beim besten Willen weiß ich nicht, wie ich diese Seiten hätte füllen können.
Mit diesem Beitrag möchte ich kein Mitleid erwecken. Das möchte wirklich ich nicht. Und das brauche ich auch nicht. Vielleicht bin ich körperlich nicht stark, aber geistig bin ich fit.
Meine Behinderung gehört zu mir, deshalb möchte ich sie hier in meinem Blog erwähnen. Ich schreibe schließlich über mein Leben und mich. Und die Krankheit gehört dazu. In letzter Zeit sind mir häufig Texte in den Sinn gekommen, die ich gerne aufschreiben und veröffentlichen würde. Aber sie wären teilweise unverständlich, wenn man diese Hintergrundgeschichte nicht kennt.

Es ist mir wichtig, dass man mich nicht in eine Schublade steckt, auf der „schwach“ steht. Allgemein mag ich keine Schubladen. Ich bin ich und lasse mich nicht einordnen. Und mich macht weit mehr aus, als nur meine Muskelschwäche. Natürlich ist sie ein Teil von mir, aber ich möchte mit mehr als nur mit ihr assoziiert werden. Denn keinen macht nur eine Behinderung aus. Mich erst Recht nicht!

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35 Gedanken zu “Ich bin behindert…

  1. Danke für deine so ehrlichen Worte, und für deinen Mut. Ich schätze deinen Umgang damit sehr und bewundere deine Offenheit, deine Stärke und die Kraft. Egal wie behindert man ist, welche Art man von Behinderung hat, die Innere Stärke ist das was zählt, was uns ausmacht. Und du bist innerlich so stark, dass du als KingKong zählen könntest, wenn du ein Gorilla (?) wärst. Schubladen sind ätzend, besonders wenn man auch noch klein ist und in jede Art von Schub passt. Aber man muss sich nirgends reindrängen lassen, wie du schon sagst. Man ist eigenständig und jeder für sich-trotzdem im Leben stehend. Sei herzlichst gegrüßt!!! 😊

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    • Danke dir! Mit dem KingKong hast du mich gerade zum Grinsen gebracht.. 😂 und ich stimme dir vollkommen zu. Niemand sollte beurteilt oder sogar etwa verurteilt werden wegen einer Behinderung. Denn das macht einen Menschen auf keinen Fall vollständig aus.

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  2. Huhu!

    Ein sehr schöner Beitrag – ich finde es gut, dass du darüber schreibst, und ich kann vieles gut nachvollziehen. Ich habe Multiple Sklerose, und das ist ja so eine Krankheit, die unzählige Symptome hervorrufen kann, und die kommen und gehen. Deswegen sieht man es mir manchmal an und manchmal nicht.

    Ich habe auch gelernt, gut damit zu leben, und lasse mich nicht gerne in eine Schublade stecken. Ich mag es aber auch nicht, wenn Leute sagen „Aber du hast doch eigentlich nichts!“ oder „Meinst du nicht, du stellst dich ein bisschen an?“, wenn man es mir gerade nicht ansieht – obwohl ich vielleicht zu der Zeit starke Schmerzen, Sehstörungen oder andere „unsichtbare“ Symptome habe. Ich will kein Mitleid, aber ich will auch, dass die Menschen akzeptieren, dass ich mich nicht „nur anstelle“ oder „simuliere“. Ich will so akzeptiert werden, wie ich bin, egal wie es mir gerade geht, und ich will, dass die Menschen mir vertrauen, dass ich sie nicht anlüge, um Vorteile zu erschwindeln.

    Aber auf jeden Menschen, der mich mit solchen Bemerkungen verletzt hat, kommen mindestens zehn andere, die ganz wunderbar damit umgehen! Und ich liebe mein Leben so wie es ist, auch MIT der Multiplen Sklerose. Mir ist auch deutlich bewusst, dass ich mich glücklich schätzen kann, heute zu leben und nicht vor 30 Jahren. Die Medizin hat sich enorm weiterentwickelt – die Großmutter meiner besten Freundin ist noch an Multipler Sklerose gestorben, und die Mutter einer anderen Freundin saß mit Mitte 20 schon dauerhaft im Rollstuhl.

    Ach ja, und es hat ja jemand diesen Wettkampf angesprochen, den manche ausfechten – das finde ich auch ganz furchtbar. Am Anfang, als ich noch nicht wusste, wie ich mit der MS umgehen soll, habe ich viel Zeit im Internet auf diversen Selbsthilfeforen für MS verbracht, bin aber ganz schnell wieder geflüchtet, weil ich das Gefühl bekam, dass man dort „behindert genug“ sein musste, um akzeptiert zu werden. Da kamen dann Bemerkungen wie: „Du sitzt gerade im Rollstuhl? Du weißt doch gar nicht, was WIRKLICHES Leid bedeutet – ICH bin seit fünf Jahren bettlägrig.“

    Warum müssen wir uns aneinander messen, um unseren eigenen Wert zu bestimmen? Es wäre doch viel schöner, wenn wir uns alle einfach akzeptieren würden, wie wir halt sind.

    LG,
    Mikka

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    • Vielen Dank für deine Ehrlichkeit. Du sprichst mir aus der Seele. Es gibt immer welche, die sich nicht in deine eigene Lage hineinversetzen können/wollen und dann irgendeinen Schwindel dahinter vermuten. Ich hatte einmal eine Situation, in der ein Arzt mir tatsächlich meine Schmerzen nicht geglaubt hat. Und das Gefühl war wirklich mies. Denn viele aus meinem Umfeld haben auf die Meinung der Arztes vertraut, man sollte ja auch meinen, dass ein Arzt kompetent genug um Schmerzen einschätzen zu können. Dem war allerdings leider nicht so und gesagt zu bekommen „du bildest dir deine Schmerzen nur ein“ ist kein schönes Gefühl. Aber ich muss dir vollkommen Recht geben! Auf eine schlechte Erfahrung kommen zehn gute Erlebnisse und an denen sollte man sich orientieren. An kleinen Situationen im Alltag, wenn andere beispielsweise mit anbieten meine schweren Sachen zu tragen, merke ich die Akzeptanz und das Verständnis. Und die Bemühungen mich zu verstehen um richtig damit umzugehen können.
      Liebe Grüße!
      moteens

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  3. Ich finde es gut, dass Du dazu stehst, und ich finde es toll, wie Du damit umgehst. Ich schreibe in einem meiner Blogs ja auch manchmal über meine wiederkehrende Depression. Das ist zwar keine Behinderung, aber eine Krankheit, die mich begleitet und immer wieder auftaucht. Und sich damit abfinden und arrangieren ist in beiden Fällen der beste Weg. Seit ich mich nicht mehr dagegen sträube, sondern mich darauf konzentriere, damit umzugehen zu lernen, geht es mir viel besser.

    In die Schublade „schwach“ würde ich dich übrigens niemals stecken, dazu sind Deine Texte zu stark 🙂

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    • Danke dir, liebe Claudia. Man muss sich einfach manchmal vor Augen führen, was es für Möglichkeiten gibt. Und sich damit abfinden und lernen damit umzugehen erscheint mir da am Sinnvollsten und Besten… 🙂
      Liebe Grüße und noch einen schönen Montagabend!
      moteens

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  4. Hallo Moteens,

    danke für diesen wundervollen Beitrag.
    Ich bin zum Glück bisher von allen Krankheiten und Behinderungen dieser Welt verschont geblieben – bis auf eine Brille und leichte Neurodermitis 😉 Ich kann also aus Erfahrungen heraus gar nichts nachempfinden oder „verstehen“. Trotzdem hatte ich schon viele Berührungen mit Behinderten. Meistens mit der Sorte, die wirklich nicht allein leben können.

    In den Kommentaren wurden zwei Dinge angesprochen, die mich selbst in Kombination erschrecken: „Akzeptanz“ und „mehr behindert sein als andere“. Ich habe festgestellt, dass geistig behindert sein ein Segen für den Menschen sein kann. Diese Menschen sind (meistens) sehr friedlich – sie sind einfach sie selbst und stecken es recht gut weg, wenn man über sie einfach schmunzeln muss. Sie freuen sich auch an so vielen Kleinigkeiten, dass es wunderbar ist, mit ihnen zu arbeiten. Und sie sehen keine Fehler sondern nur ein Lebewesen.

    Bei körperlich Behinderten Personen habe ich manchmal den Eindruck, dass ein Wettkampf stattfindet. Wer leidet mehr, wer hat die schlimmere Krankheit, wer bekommt die wenigste Unterstützung… wer kann am besten jammern. Da funktioniert eben der egoistische Geist noch. Es erschreckt mich, dass manche Menschen es einfach nicht hinbekommen ein Gespräch oder eine Tat anzunehmen, ohne eine böse Absicht dahinter zu sehen. Ausnahmen wohl gemerkt!

    Faszinierend sind für mich Menschen wie du! Du hast eine Einschränkung, die den ein oder anderen Handgriff schwierig macht. Stelle ich mir vor allem als junger Mensch sehr schwierig vor. Und trotzdem bist du so positiv und glücklich. Es macht einfach Spaß deine Texte zu lesen. Mach weiter so! Dankeschön.

    Liebe Grüße > sara

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    • Danke dir für deine lieben Sätze. Ich kann dir zustimmen: Für einige Menschen ist es wohl wirklich besser nicht alles in vollem Umfang mitzubekommen. Und ich finde es schön zu sehen, dass diese Menschen meistens sich über Kleinigkeiten freuen, sich über ihre Behinderung keinerlei Gedanken machen. Einen Wettkampf zu veranstalten finde ich vollkommen abstoßend. Natürlich gibt es Alltagssituationen, in denen man sich fragt, warum einige nicht mehr Verständnis aufbringen können, aber in meinem Umfeld habe ich bislang meistens nur positive Erfahrungen gemacht. Alle sind hilfsbereit, wollen mehr wissen um zu verstehen und um darauf eingehen zu können. Es herrscht also keinerlei Desinteresse und ich habe mir noch nie Sorgen um Akzeptanz machen müssen. Zum Glück. Ich denke, dass das nicht der Regelfall ist und daher bin ich darüber mehr als nur glücklich. Mit körperlichen Behinderungen ist es wahrscheinlich wie mit anderen negativen Erlebnissen. Jeder geht für sich damit anders um. Natürlich habe ich auch Momente, in denen ich verzweifelt bin, mich frage, warum es ausgerechnet mich getroffen hat. Aber mir geht es gut, ich habe ein schönes Leben und kann mit meiner Behinderung umgehen, habe mich damit abgefunden. Und ich habe immer im Hinterkopf, dass es mich durchaus hätte schlimmer treffen können.
      Danke dir fürs Mitteilen von deinen eigenen Erfahrungen und deine netten Worte!
      Liebe Grüße und noch eine schöne Woche!
      moteens

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  5. Mutig, dass du darüber schreibst. Ich finde es schlimm, dass viel zu viele Menschen überhaupt keine Ahnung über Behinderungen haben, die nicht äußerlich unbedingt bemerkt werden. beziehungsweise, dass es wirklich Menschen gibt, die denken, das Behinderte dumm sein müssen. Da bekomme ich einen ganz dicken Hals. Nunja. Ich hoffe für dich, dass du ein unbeschwertes Leben irgendwie führen kannst und dir nie die Fröhlichkeit ausgeht !

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    • Danke dir für deine netten Worte. Es ist nun mal ein Teil von mir und vielleicht kann ich ja auch ein paar Menschen darauf aufmerksam machen, dass Behinderte nicht in eine Schublade gesteckt werden können. Sie haben nicht zwangsläufig einen Rollstuhl oder sehen „anders“ aus. Ich denke, dass die heutige Gesellschaft viel zu oft pauschalisiert, weil sie mit dem Thema zu selten konfrontiert wird.
      Ich wünsche dir noch einen ganz schönen Abend!
      Liebe Grüße,
      moteens

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      • Alles und jeder wird leider in eine Schublade gesteckt, egal ob man was dagegen tut oder nicht.
        Aber wichtig ist weiter zu machen und einen scheiß drum zu geben, was andere denken oder sagen mögen.

        Du bist gut so wie du bist !
        Wünsche ich dir auch !

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      • Bei mir ist es so, dass ich sie nicht haben möchte, mich aber immer wieder dabei erwische, zumindest im ersten Moment welche zu haben. Im zweiten Moment schüttle ich innerlich darüber den Kopf, aber sie sind irgendwo trotzdem in mir. Vielleicht kommt es mit der Zeit des Lebens, dass Vorurteile verschwinden, wenn man es anstrebt. Zu hoffen ist es.

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  6. Hey “ Moteens“,
    interessanter Bericht, gute Einstellung … Bin gerade durch FB und dem “ herumschnuppern“ in einigen Blogger Gruppen auf diesen Artikel gestoßen.
    Bei uns “ kränkelnden“ ist es schon immer interessant das ALLE sagen, alles nur kein MITLEID !!! Manchesmal glaube ich, die Leute die wirklich “ krank sind“ , bzw. ein Handicap haben, die haben gar keine Lust das groß zum Thema zu machen… Ist man aber z. b in einer Reha oder so, dann herrscht da ja schon fast sowas wie ein “ Kampf“ … Wer hat es denn nun am schlimmsten getroffen…. Ich glaube dieses ständige „übers Krank sein“ reden, das wollen nur Leute die eigentlich gar nicht schwer krank sind… Wer wirklich dauerhaft gesundheitliche Probleme hat, der will kein Mitleid, der will am liebsten gar nicht groß drüber reden.
    Auf jeden Fall find ich es gut das Du über dein Leben so ehrlich bloggst, zumindest wenn es auf Dauer mit zum “ Bloginhalt“ gehört!
    Ich wünsche Dir alles Gute … und weiterhin viel Spaß beim bloggen!
    Isa

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    • Gerne zum Thema machen tue ich es offengesagt auch nicht. Teilweise ist es auch im wirklichen Leben so. Wer sagt einem Menschen, den man neu kennenlernt auch sofort, dass er eine körperliche Behinderung hat? Aber zwangsläufig gehört es eben zu meinem Leben dazu und ich werde nicht weniger eingeschränkt leben können, nur weil ich es verschweige. Mitleid für etwas zu bekommen, was dauerhaft zu meinem Leben dazugehört, gibt mir das Gefühl, dass mein ganzes Leben bemitleidenswert ist. Und das ist es allemal nicht. Im Gegenteil. Ich fühle mich wohl, habe mich mit meiner Krankheit arrangiert und weiß damit umzugehen. Ich habe noch nie Menschen erlebt, die darum kämpfen, wie du es nennst, anerkannt zu bekommen, dass es sie am Schlimmsten getroffen hat. Und ich denke, dass man nichts pauschalisieren kann. Weder ob alle mit einer Behinderung darüber nicht reden wollen noch ob Leute mit einer verhältnismäßig kleinen Krankheit darüber unbedingt reden wollen. Denn das ist es, was ich nicht gutheiße. Dieses Schubladensystem. Man muss jeden als Individuum ansehen und kann ich nicht aufgrund einer Krankheit abstempeln.
      Für die Zukunft wünsche ich dir auch alles Gute und zuerst einmal noch einen schönen Sonntagabend.
      Liebe Grüße,
      moteens

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      • Hi moteens,
        Danke für diesen vielschichtigen, offenen und ehrlichen Blogeintrag. Als erstes möchte ich sagen, dass du vielleicht auch behindert bist, aber hauptsächlich eine ganz wunderbare Autorin, die uns alle immer wieder zum Nachdenken, Weinen und Lachen bringt. Das wäre gar nicht möglich, wenn du die Welt nicht auf genau deine Weise erleben und verstehen würdest, wie du es eben tust.

        Wann ist man behindert? Wann wird man behindert? Wie lebt man mit einer Behinderung? Das sind spannende Fragen, die man sicher nicht allgemein beantworten kann. Trotzdem ist es sicher wichtig, sich diese Fragen zu stellen.

        Eine kleine Notiz zu den seltenen Krankheiten. Mediziner, Psychologen und Naturwissenschaftler, die sich mit vielen Krankheiten beschäftigen, kennen auch viele Fachbegriffe, die vielleicht auch mal eindrucksvoll klingen, wie ein “Transjugulärer intrahepatischer portosystemischer Shunt“ oder schon vom Namen gruselig wie “Thanatophore Dysplasie“ (lieber nicht nachschlagen). Aber das heißt nicht viel- viele Krankheiten haben nicht einmal einen Namen oder man weiß nicht, wie sie entstehen. In ihrer Vezweiflung der eigenen Machtlosigkeit schufen diese Leute paradoxerweise auch für sie einen Namen- als ob das was ändern könnte: “idiopathisch“ . Vor kurzem habe ich gehört, dass bei uns hier in Dtl. mehr Leute an irgendwelchen Krankheiten erkrankt sind, die wirklich gefährlich sind, aber zu den “seltenen“ Krankheiten zählen, als an Krebs. Leider werden die kaum erforscht- kein Geld (unsere Gesellschaft ist nun mal utilitaristisch, sonst gäbe es sowas wie DALY vermutlich nicht). Alles wird gegengerechnet. Das macht mich sehr traurig. Und wenn das bei den ernsten Sachen schon so ist, wie soll es dann bei vergleichsweise “harmlosen“ Sachen sein? Also einerseits ist es die Unmöglichkeit, überhaupt forschen zu können. Und dann auch die Erkenntnis, das man gar nicht alles verstehen kann. Und das die ganzen Fachbegriffe nur Schall und Rauch sind.

        Du hast ja auch geschrieben, dass man Sehschwäche auch als Behinderung sehen kann. Ich denke auch, dass das stimmt. Als ich klein war, wollten die meisten Kinder die üblichen Sachen werden- Polizist, Feuerwehrmann, Tierärztin usw. Ich wollte Astronaut werden- und war abgrundtief enttäuscht, als ich herausfand, dass die keine Brillenträger nehmen. Anscheinend war ich nicht mal der einzige, Harald Lesch hat auch schon öfter davon erzählt. Oder wenn man zu klein ist, um Pilot zu werden. Oder zu groß. Eigentlich kann alles irgendwie zu einer Behinderung werden. Oder liegt das doch daran, dass man behindert wird? Ich glaube, dass das schwierig zu trennen ist, und oft irgendwie Hand in Hand geht.

        Gibt es einen Unterschied zwischen angeborenen und erworbenen Behinderungen? Jein. Ein (angeborener) Blinder, der nie etwas gesehen hat, kann das auch nicht konkret vermissen, ein ehemals Sehender schon. Es ist also nicht ganz das gleiche. Aber nehmen wir mal an, jemand landet für sein restliches Leben im Rollstuhl aufgrund eines Unfalls. Das wird für denjenigen natürlich ein Horror sein, im ersten Augenblick. Und auch im zweiten. Aber wie mehrere Studien gezeigt haben, egalisiert sich das Glücksempfinden von Menschen mit solchen Erfahrungen nach einiger Zeit. Genauso ist es auch beim Lottogewinn, nur umgekehrt. Ob diese Person dann wieder glücklich sein kann oder nicht, hängt also eher von ihrer Psyche als von ihrer Physis zusammen. Die einzige wirkliche Gefahr ist natürlich das “was wäre wenn“ Szenario. Vielleicht ist man davor etwas besser gefeit, wenn man das einfach als gegeben hinnehmen muss.

        Was mich auch oft ärgert, ist wenn Leute einem sagen, man sei doch eigentlich besser dran so (mit seiner Behinderung). Nicht in einem bösen Sinne, sondern in dem Sinne, dass man positiver durchs Leben gehen kann. Oder wenn man einer Lebenskrise steckt, weil man aus ihr ja gestärkt hervor kommen wird. Nun, so ist es aber nicht. Wer behindert ist, wie auch immer- ist behindert. Wer mit seiner Firma kurz vor der Pleite steht, sammelt nicht nur Erfahrung. Er kommt mit gar nicht so schlechter Wahrscheinlichkeit nie mehr auf die Beine, oder nur noch sehr schwer. Traumatische Ereignisse, die ja auch eine Art der Behinderung darstellen, verfolgen die meisten ein Leben lang. Wer in seiner Kindheit mal gehungert hat, ist bis zu seinem Tod anfälliger für Diabetes, Bluthochdruck und bestimmten schweren Erkrankungen. Trotzdem bringt es nichts, rumzujammern. Es ist halt so.

        Begeisterte Raucher ernst zu nehmen, die rumjammern, wie unfair das Leben ist, fällt mir schwer. Aber die Leute mit Behinderungen jammern so gut wie nie, obwohl sie wirklich Grund dazu hätten. Vielleicht haben sie sich ein Beispiel an den Russen genommen- an ihrer Kultur des Leidens. Wenn die Russen nicht immer gelitten hätte, wäre die Welt vielleicht ein wenig schwermütig- aber wir hätten auch keinen Dostojewskij. Er hat sich viel damit beschäftigt. Auch das Christentum ist eine Kultur des Leidens. Das Leben dieses eines Schreiners aus Nazareth- es ist die Perfektion des Leidens (was kann das mehr zum Ausdruck bringen als ein Kreuz?). Und trotzdem – oder desewegen- glauben so viele. Und dennoch hat Jesus bspw. sich nie darauf beschränken lassen, einfach ein “Opfer“ zu sein, sondern – Göttlichkeit hin oder her, hier mit angepackt und diese Erde ganz konkret zu einem besseren Platz gemacht, auch als Vorbild für viele andere.

        Behinderte Menschen sind auch keine Opfer und brauchen kein Mit-leid. Das Problem mit Mitleid ist, dass man damit den Leuten verleidet, die vorher ganz gut damit klar gekommen sind. Sie brauchen Akzeptanz. Mein Wunsch ist es, dass du die bekommst. Hier und in deinen Kreisen bin ich unbesorgt, aber auch von allen anderen. Das wäre schön 🙂

        Wünsche dir einen schönen Start in die neue Woche,
        Marcello

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      • Ganz vielen lieben Dank. Ich denke auch, dass sich Vieles mit Worten gar nicht definieren lässt. Allein schon die Tatsache, dass jemand behinderter sein kann, als ein anderer ist für mich irgendwie befremdlich. Aber so ist das. Man kann sich einstufen lassen und einen Stempel mit einem Behindertengrad bekommen. Aber kann schon sagen, dass man zu hundert Grad behindert ist? Du sprichst Akzeptanz an. Ich kann von Glück sagen, dass ich noch nie auf jemanden gestoßen bin, der mich etwa beleidigt hat. Im Gegenteil. Alle, die mich kennen, kennen mich mit Behinderung. Und akzeptieren diese auch. Akzeptieren unterscheidet sich natürlich von verstehen, von dem nicht sagen kann, dass dies alle tun. Manche können sich allgemein nicht in andere Menschen hineinversetzen und daher fällt es ihnen schwer damit umzugehen. Aber bemühen tun sich tatsächlich die meisten. So sind auch viele offen und gehen auf mich zu, fragen mich etwas darüber. Und das finde ich nicht im geringsten schlimm. Denn das zeigt mir Interesse, das Interesse mich zu verstehen.
        Ich wünsche dir auch einen ganz schönen Start in die Woche und möchte bei der Gelegenheit einfach mal loswerden, dass ich mich immer wahnsinnig über deine langen Kommentare freue.
        Liebe Grüße,
        moteens

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      • Gern geschehen 🙂 *sehrgeschmeicheltfühl. Ich weiß nicht, inwiefern man so etwas verstehen kann. Mit dem Grad der Behinderung- das ist natürlich eine phänomenologische Beurteilung. Das Problem ist natürlich, dass Menschen keine Gesteinssorten sind. Aber so denken wir Menschen nun oft (Wissenschaftler erst recht). Dabei wissen wir doch, dass das “Ganze mehr als die Summe seiner Teile“ ist. (Aristoteles). Danke für deine lieben Grüße,
        und hier per Bits und Luftkuss an dich zurück. Cari saluti, Marcello

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  7. Ich denke, für die meisten hier macht es eh keinen Unterschied. Man mag Dich, Deine Art zu schreiben, Deine Ansicht über das Leben…..der einzige Unterschied, jetzt weiss man ein wenig mehr über Dich. Und es ist ein klein wenig wie bei Deinen Freunden…..man nimmt Dich, so wie Du bist. Allerliebte Grüße und jetzt bin ich erst einmal auf die anderen Beiträge gespannt….;-)

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  8. Deinen Beitrag kann ich sehr sehr gut nachvollziehen. Mir geht es absolut genau so. Der einzige Unterschied: Meine „Behinderung“ kam durch einen Schlaganfall. Seitdem ist mein Gleichgewicht im Eimer, und meine Kräfte brauche ich dafür, um es auszugleichen. Dass die Kräfte für anderes fehlen, ist offensichtlich. Früher hätte ich mir das nicht vorstellen können.
    Ich bin froh, dass es mir ansonsten gut geht, und ich ein relativ normales Leben führen kann. Wobei es manchmal schon von Vorteil wäre, im Rollstuhl zu sitzen, bzw. den Kopf unter dem Arm zu tragen. Zumindest, wenn es nach unseren Behörden ginge. Denn alles andere zählt nicht. Ein Loch im Hirn zählt nicht, weil dessen Auswirkungen nicht messbar sind.
    Aber jammern gilt nicht, und einem die Freude am Leben nehmen ….. da müssen schon andere kommen.

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    • Ich kann eine Behinderung durch einen Unfall nicht beurteilen, würde aber vermuten, dass es schwerer ist sich daran zu gewöhnen, als wenn man von Geburt aus eingeschränkt ist. Das Problem der Gesellschaft besteht meiner Meinung nach darin, dass die meisten Menschen Behinderte nicht tagtäglich erleben und so sie auch nicht verstehen können. Meine Freunde beispielsweise wissen alle ganz genau was ich kann und wo meine Grenzen sind. Für die die ist meine Behinderung auch nichts Außergewöhnliches mehr, weil sie es einfach nicht anders kennen.
      Liebe Grüße und dir noch einen schönen Sonntag noch!
      moteens

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  9. ….für mich bist du eine absolut tolle intelligente schlagfertige Frau…ich sehe einfach den ganzen Menschen :)….und nein ich habe kein Mitleid…ich denke auch das du absolut damit umgehen kannst „besonders“ zu sein…so hat jeder etwas an sich, was ihn eben anders macht….gibt aber noch mehr Facetten warum du du bist und kein anderer 😉

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  10. Hi, endlich wieder mal ein für mich interessanter Beitrag gefunden in den blogger Gruppen bei Facebook.

    Du hast Beiträge von mir bestimmt schon dort gesehen. Ich bin selbst gehandicapt und man versucht mich oft in eine Schublade zu stecken. Ich bin zum Beispiel nicht belastbar man hat versucht mich in einer behinderten Werkstatt unterzubringen es war mir zu viel von der Belastung und daher müsste ich aufhören. Also das ist die Schublade in die man von der arbeitsagentur gesteckt wird behindert gleich behindertenwerkstatt.

    Wie sieht bei dir berufliche aus?

    Seit dem ich das beendet habe sitze ich zuhause weil ich einfach nicht belastbar bin seit dem werde ich in die Schublade gesteckt das ich kein bock hätte und faul wäre. Wie ist es bei dir? Wenn du mehr über mich wissen willst dann dann schau mal auf meinem blog vorbei http://kochjonis.blogspot.de

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    • Danke für deine ehrlichen Worte. Ich selbst kann über Berufliches noch nicht viel sagen, da ich erst 17 Jahre alt bin. Aber natürlich weiß ich jetzt schon, dass ich sehr eingeschränkt sein werde in meinen Berufsmöglichkeiten. Zum Glück bin gibt es auch viele Bürojobs, bei denen man körperlich nicht großartig aktiv sein muss. In Schubladen werden Behinderte meiner Meinung nach gesteckt, weil viel zu wenige aufgeklärt werden. Wenn man auf der Straße einen Menschen sieht, der beispielsweise das Down-Syndrom hat, dann sieht man ihn als Behinderten an. Dass aber auch Leute mit beispielsweise einem geringen Hörvermögen auch behindert sind, wissen die Wenigsten.

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  11. Hallo,

    ein sehr offen verfasster Artikel. Es ist schön, wenn Menschen über ihr Leben schreiben und auch Gedanken mit anderen teilen. Vor allem wenn man eine Einschränkung hat ist dies nicht immer so einfach denke ich.

    lg clemens

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  12. Ich bin auch behindert 😉 man sieht es fast nicht. Manchen Leuten fällt es nie auf, manchen nach zehn Jahren, manchen sofort.
    Ich hoffe es ist nur vorübergehend, seit 20 Jahren XD. Kein Arzt findet die Ursache. Man kennt nur den Auslöser, aber der wurde behandelt.

    Ich habe ein Mädchen mit MuskelSchwäche kennen gelernt. Auch sie hatte keine Diagnose, allerdings war sie noch schwächer als du und brauchte einen Rollstuhl.

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    • Daran sieht man auch wie viele verschiedene Arten von Behinderungen es gibt. Leute mit einer Sehschwäche sind, wenn man es korrekt bezeichnet, auch behindert. Ich habe das Gefühl, dass Behinderte oft in eine Schublade gesteckt werden. Dass Behindertsein immerzu mit einem Rollstuhl assoziiert wird, liegt vermutlich auch an dem Behindertenzeichen. Zudem sind die „bekanntesten“ Behinderungen wohl welche, die man einem Menschen auf den ersten Blick ansieht. Danke dir für das Mitteilen von eigenen Erfahrungen. 🙂
      Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag!
      moteens

      Gefällt 3 Personen

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