Dieses Nichtstunkönnen-Gefühl…

Ich male mir tagtäglich aus, was wohl in der Zukunft sein wird. Wo ich leben werde, mit wem ich leben werde, wie ich sein werde. All das sind Fragen, die in meinem Kopf herumschwirren. Aber manchmal, manchmal kommt da auch ein anderer Gedanke auf, der alle anderen verscheucht. Er drängt sie so weit weg, dass letztendlich nur er alleine übrig bleibt. Und er weigert sich zu gehen, besteht darauf gehört zu werden.

In jedem Augenblick kann alles vorbei sein.
Warum bist du dir so sicher, dass du nicht etwa in naher Zukunft sterben wirst. Du kannst das Leben nicht kalkulieren, kannst es nicht bestimmen. Es bestimmt über dich.

Dieser Gedanke hält mich nachts wach, treibt mich in den Wahnsinn, bringt mich um meinen Verstand. Er macht mir Angst, denn ich weiß, dass es die Wahrheit ist.

Irgendwann ist alles vorbei, die Frage ist nur wann. Wir Menschen sind sterblich. Das ist keine große Neuigkeit. Jahrelang habe ich die schrecklichen Dinge, die in der Welt passieren, nicht auf mich bezogen. Ich habe davon gehört, sie im Fernsehen gesehen, aber sie nie an mich herangelassen. Sie haben mich nie vollkommen einnehmen können. Ich habe sie sicher auf Abstand gehalten, mich von ihnen distanziert. Ich habe bedauert, aber nie daran gedacht, dass auch mir selbst mal etwas Schreckliches widerfahren könnte. Oder besser gesagt: Ich habe nicht daran geglaubt.

Doch jetzt habe ich begriffen, dass ich mich nicht selbst ausschließen kann, mich nicht selbst beschützen kann vor dem Sterben. Denn ich bin ein Mensch. Und Menschen sind nun mal sterblich. An jedem Tag, in jeder Sekunde und vor allem in jedem Alter. Bei dem Gedanken daran macht sich das Gefühl der Angst in mir breit. Dieses Gefühl kündigt sich nicht an. Anfänglich bemerke ich es sogar gar nicht. Doch dann breitet es sich aus, rasend schnell. Es nimmt alles ein. Den Verstand, das Herz, mich. Es lähmt den Körper, hindert am Sprechen. Es ist die Angst davor, dass das Ende zu früh kommen kommt. Dass das Ende ohne Abschied verläuft, dass ich nicht vorbereitet bin und geliebte Menschen zurücklassen muss. Dass ich sie alleine lassen muss. Es ist dieses Nichtstunkönnen-Gefühl.

In diesen Momenten fühle ich mich klein, schwach, unbedeutend. Und ich bin mir wieder einmal mehr meiner Schwäche bewusst, meiner Unbedeutsamkeit, meiner Machtlosigkeit gegenüber dem Leben. Meiner Machtlosigkeit gegenüber dem Tod.

Diese Gedanken sind im Zuge eines gemeinsamen Schreibprojektes mit entstanden. Wir beide haben separat einen eigenen Beitrag zum Thema Sterblichkeit geschrieben. Schaut also auch bei ihr vorbei!

Advertisements

12 Gedanken zu “Dieses Nichtstunkönnen-Gefühl…

  1. Was tun gegen Nichtstunkönnen?

    Ist das wirklich die Lösung?
    http://www.deutschelyrik.de/index.php/man-muss-immer-trunken-sein.html

    Nicht alle scheint das aber zu beunruhigen:
    “Ich leb und waiß nit wie lang,
    ich stirb und waiß nit wann,
    ich far und waiß nit wahin,
    mich wundert das ich frölich bin.“
    Verfasser nicht klar

    Dem Kampf zwischen Lebensmüdigkeit und Angst vor dem Tod im Glauben zu überwinden, der diese Frage abschließend klärt, beantwortet das nichtstunkönnen damit, dass das letzten Endes nicht in unserer Macht liegt und entlastet uns von unserem Zwang zum aktionistischen Handeln diesbezüglich: https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Dietrich_Bonhoeffer_Von_guten_Maechten.html

    “Ein jeder ist so viel wert, wie die Dinge wert sind, um die es ihm ernst ist.“ Marc Aurel
    Und wenn das Leben auf der Liste weit oben ist, wird er wohl viel wert sein. Ist Graf Wronskij am Ende von Anna Karenina noch viel Wert? Das ist das dramatische an diesem Ende der Geschichte, als er feststellt, dass er eben nichts tun kann. Und weil das Wertvollste führ ihn verloren ging, hat er auch seinen Wert verloren…

    Wir können nichts tun. Darum glauben wir, und darum verzweifeln wir. Wir dürfen uns nicht zu oft mit dem Thema beschäftigen, aber auch nicht zu selten. Das ist schwierig. Heute verdrängen wir das gerne, keiner hat bei sich eine ars moriendi rumstehen. “bald donnern die Beschwerden“ https://de.wikipedia.org/wiki/Es_ist_alles_eitel Und doch kann man auch einfach akzeptieren, dass man nichts zu melden hat, wann man hier ist oder geht: https://de.wikipedia.org/wiki/Decamerone

    Zum Schluss noch ein paar Gedanken aus Italien zu diesem Thema:
    « Quant’è bella giovinezza,
    Che si fugge tuttavia!
    Chi vuol esser lieto, sia:
    di doman non v’è certezza »
    Lorenzo di Medici

    Deutsch: „Wie schön ist die Jugend, // die jedoch so schnell vergeht! //
    Wer frohgemut sein will, sei es: // was morgen sein wird wissen wir nicht.“
    Nino Barbieri
    “Wie schön ist doch die Jugend/ die doch immerwährend flieht,
    Jedem, dem nach Frohsinn beliebt/ Soll froh sein, bis sie vorüberzieht.
    Denk darüber nach allezeit/ Denn für morgen gibt es keine Sicherheit.“
    Meine (recht freie) Übersetzung

    „Il dolce tempo ancor tutti c’invita // lasciare i pensier’ tristi e’ van’ dolori: // mentre che dura questa brieve vita, // ciascun s’allegri, ciascun s’innamori.“
    Lorenzo di Medici
    „Die angenehme Zeit fordert uns alle auf, // traurige Gedanken und unnützen Kummer zu vergessen: // solange dieses kurze Leben dauert, // soll jeder froh sein, jeder sich verlieben.“ – Nino Barbieri

    Gefällt 1 Person

    • Du sagst es: „Wir dürfen uns nicht zu oft mit dem Thema beschäftigen, aber auch nicht zu selten.“
      Viele Leute verdrängen das Thema einfach und beschäftigen sich damit gar nicht erst. Es ist auch schwermütig, belastet einen und sorgt dafür, dass wir Angst haben, uns fürchten. Und all diese Gefühle bevorzugen die wenigsten Menschen. Aber wenn wir das Thema immer nur von uns wegschieben, uns damit gar nicht erst auseinandersetzen, dann setzen wir uns der Gefahr aus irgendwann vollkommen unvorbereitet zu sein. Noch unvorbereiteter, als ohnehin schon. Dann ist der Stein, der auf einen zurollt so groß, dass er nicht mehr viel von Einem übrig lässt.

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo!

    Ich kenne das Gefühl auf eine andere Weise.
    Ich bin in einem Haus direkt neben der Kirche und mit Blick auf den Friedhof aufgewachsen. Für mich ist das nach wie vor ein Garten mit kleinen Beeten – ich verstehe andere Menschen nicht, die Angst vor diesem Ort haben und den Besuch bei uns vor Einbruch der Dunkelheit abbrechen.
    Im Alter zwischen 13 und 16 habe ich 4 schlimme und junge Todesfälle miterlebt, die mir persönlich sehr nahe gingen – ja auch in so jungem Alter denkt der ein oder andere schon um (manche behaupten das Gegenteil). In dieser Zeit gehen einem so manche Dinge durch den Kopf, doch das schlimmste war der eine Gedanke: Was ist, wenn ich allein dastehe?
    Ich habe tatsächlich keine Angst vor dem Sterben sondern vor dem Leben ganz allein.

    in meiner Melancholie und meiner Faszination für das Sterben und was danach ist, habe ich mich der Gothic-Szene zugewandt. Da ist dieses Thema kein Tabu, sondern Bestandteil des Lebens, wie Essen und Trinken. Mir tut es gut darüber zu sprechen ohne schräg angeschaut zu werden.
    Schlimmer als das Leben, kann der Tod doch gar nicht sein. 😉

    Liebe Grüße > sara

    Gefällt 1 Person

  3. Das hatte ich eine lange Zeit. Ein unerträgliches Gefühl. Manchmal gibt es Situationen wo ich dies noch spüre. Schlimm ist es, wenn Menschen es durch solche Sätze noch verstärken.
    Schlimmer kann man das Selbstbewusstsein eines Menschen nicht schädigen.
    Es ist ehrlich gesagt wirklich schade 😦 Es ist eine Verletzbarkeit, die so groß ist, wnen man sich so schwach fühlt. Ich mag dieses Gefühl wirklich nicht !

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s