Einfach vergessen…

Es ist natürlich, dass man mal etwas vergisst. Sowohl Materielles, als auch gedanklich. Menschen machen Fehler und das ist auch gut so. Aber wenn man ständig etwas vergisst, dann wird es für alle Beteiligten schwierig. Eine Bekannte von mir war ihr Leben lang pünktliche, gewissenhaft und genau, in allem was sie gemacht hat. Einige haben sie als streng bezeichnet. Nach näherem Kennenlernen habe ich gemerkt, dass das einfach ihre Art ist. In den letzten Jahren hat sie sich charakterlich allerdings total geändert. Auf einmal ist sie emotionaler und für alle irgendwie zugänglicher. Einige bezeichnen sie jetzt als warmherzig. Sie hat schon ein stolzes Alter erreicht, da ich sie nie gefragt habe, wie alt sich ist, kann ich hier keine genaue Zahl nennen.

In den letzten Monaten musste ich leider wahrnehmen, dass sie immer schwächer wurde. Und das keinesfalls körperlich. Einzig und allein ihr Gehirn scheint ihr mittlerweile des Öfteren einen Streich zu spielen.

In den letzten Gesprächen wurde ich also nicht einmal gefragt, wie es mir geht. Nein, sie hat es immer und immer wieder gefragt. Genauso habe ich mindestens fünf Mal erzählen müssen, wie die Weihnachtstage so für mich waren und was ich geschenkt bekommen habe. Die ersten Male war ich ziemlich irritiert. Aber ich habe mir kein einziges Mal etwas anmerken lassen. Warum soll ich sie darauf aufmerksam machen, dass sie Dinge schnell vergisst? Das würde sie nur traurig und unglücklich machen.

Ihre Vergesslichkeit lässt sich auch an anderen Situationen zeigen. Beispielsweise ist sie mit einer bestimmten Frage zu einer Person gekommen, hat aber vergessen, diese überhaupt zu fragen. Genauso werden Termine von vergessen. Ich habe generell schon mehrmals mitbekommen, dass ältere Leute sich oftmals an geregelte Abläufe halten. Wird innerhalb dieses Ablaufes irgendetwas geändert, dann wird das verdrängt, vergessen. Das Gehirn hat sich den Ablauf schon so genau eingeprägt, dass er nicht mehr geändert werden kann. Genauso verhält es sich mit bestimmten Sätzen, die immer wieder abgespult werden. Oder Meinungen, die seit Jahrzehnten bestehen und nicht mehr geändert werden können.

Aber wir reagiert man als Außenstehender am besten? Immer wenn Leute ihren eigenen geistlichen Verfall wahrnehmen, dann werden sie traurig. Ich frage mich, ob diese Trauer auch vergessen wird. Ob die Leute ihre Vergesslichkeit spüren. Wie fühlt man sich? Wie ist es, etwas gar nicht wahrzunehmen oder es gleich wieder auszublenden, zu vergessen.
Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass ich auch einmal in derselben Situation sein werde. Und davor habe ich um ehrlich zu sein Angst. Ich will nicht das verlieren, was mich ausmacht. Mein Gehirn, mir samt meinen Erinnerungen. Ohne das bin ich nicht ich. Dann werde ich nur noch eine Hülse meiner selbst sein, die mich total verstaubt einschließt. Irgendwie ist es für mich eine schöne Vorstellung, wenn ich mir überlege, wie ICH mit dem Eintreten des Todes aus dieser lächerlichen Hülse befreit werde. Und dann nicht mehr verstaubt bin. Sondern nur noch frei.
Spuk, Geisterhaft, Tod, Friedhof, Gräber, Seele, Mann

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18 Gedanken zu “Einfach vergessen…

  1. Das ist wirklich ein sehr nachdenklicher und trauriger Beitrag. Ich habe auch ganz große Angst davor, weil ich sehr gerne nochmal alles Revue passieren lasse. All die Erlebnisse, Erinnerungen, all das was ich gelebt hat. Es gehört für mich dazu und sollte ich nicht mal wissen, wer mehr vor mir steht. Diese Vorstellung ist grauenvoll und ich möchte nie nur eine Hülle meiner selbst sein. Ich möchte all das mitnehmen, wenn ich alles klar noch vor mir habe, dass wäre das schönste !

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  2. Ein trauriger zum Nachdenken anregender Beitrag. Damit habe ich mich auch schon des Öfteren auseinander setzen müssen. Es ist mir immer wieder unheimlich und auch ich habe große Angst davor, in dem Stadium wenn man das Vergessen bewusst miterlebt. Meine UrOma sowie meine Oma hatten Alzheimer. Ein schleichender und doch rasanter Prozess. Am Ende erinnerst du dich nicht mehr. An nichts und du weißt nicht einmal wie du kacken musst, so war es bei Oma. Es ist grauenvoll, das Leben, was dir am Ende deine einzigste Macht nimmt dein Gehirn, dein Denken und Empfinden. Was bleibt die dann noch, außer vor dich hin zu leben und auf den Tod zu warten!? 😥

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  3. Ich könnte mir vorstellen, dass es gut wäre, das einfach auf sich beruhen zu lassen. Was ich mir allerdings schwierig vorstelle, ist, die Person nicht auszugrenzen, was ihr weh tun würde. Und das würde man wohl automatisch tun, wenn man verhindern will, dass man Dinge immer und immer wieder erzählt bekommt. So wirklich will mir da keine Lösung einfallen.

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    • Ich finde, dass das wiederholte Erzählen von Sachen das kleinste Problem darstellt. Wenn man sich vorstellt, dass viel wichtigere Dinge vergessen werden, dann kann es sein, dass eine Person auf einmal nicht mehr selbstständig leben kann. Zum anderen ist es für mich auch traurig mit anzusehen, wie andere sie anders wahrnehmen. Einfach völlig falsch in eine Schublade stecken.

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  4. Es tut unbeschreiblich weh, wenn Menschen, die einem nahe stehen, sich verändern. Ich habe das auch erlebt. Oft ist es für die Angehörigen sehr viel schlimmer als für den Betroffenen. Vielleicht ist es für denjenigen gar nicht so schlimm, wie Du meinst, man lebt dann in seiner eigenen Welt. Vielleicht ist diese Welt nur für Außenstehende nicht lebenswert, aber wer hat das Recht, das zu bestimmen oder zu werten? Ich weiss es nicht!
    Dein Beitrag ist bedrückend ehrlich, Deine Angst spürbar……aber ich glaube daran, dass man diese Schritte mit einer Begleitung, der man vertraut, gut gehen kann. Liebe nachdenkliche Grüße, Ann

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    • Ich habe mal in einem Altersheim ein Sozialpraktikum absolviert und fand die Zustände der Menschen dort teilweise erschreckend. Man sieht wirklich nur noch lebende Hülsen, die mit allen verfügbaren Mitteln am Leben gehalten werden. Es ist traurig zu sehen, wie ein Mensch langsam wieder wie ein Embryo wird. Wenn Menschen dement werden, dann nehmen sie im Endstadium tatsächlich die Position, wie ein Embryo ein. Liegend und halb gekrümmt. Es macht etwas mit einem, wenn man jemanden so sieht. Vor allem, wenn man sich dann daran zurückerinnert, was für einen starken Charakter diese Person früher doch hatte. Und von dem nichts mehr sichtbar zu sein scheint.
      Liebe Grüße,
      moteens

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      • ich möchte nie in einem Heim landen…..ich werde alles Mögliche machen, dass das nicht passiert, aus dem Grunde schon allein. Es war ein wirklich beeindruckender Beitrag! LG Ann

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      • Danke Ann! Das Heim hat mich auch sehr schockiert. Da die Pflegekräfte einen enormen Zeitdruck hatten, haben sie sich auch gar nicht individuell um die einzelnen Menschen gekümmert. Es wurde Hektik verbreitet und teilweise wie mit kleinen Kindern umgegangen. Was mich besonders getroffen hat, war die Tatsache, dass viele Bewohner total einsam waren und sich um ein paar Minuten Zuwendung unbeschreiblich doll gefreut haben.

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      • diesen Umgang finde ich am allerschlimmsten…nur weil man langsam ist, ist man noch lange nicht debil! Ich habe noch Zeit, eine Lössung für mich zu suchen, jedenfalls ein Heim wird es nicht sein. Deine Erfahrung bestätigt mich nur darin!

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      • Meine Oma hatte lange Zeit Pfleger bei sich zeitweise zu Hause. Erst als es nicht anders ging, ist sie in ein Heim gekommen. Das war aber total schön und sie konnte den ah über das machen, was sie wollte. In den Heim, in dem ich wegen dem Praktikum war, wurden die Bewohner zu irgendwelchen Veranstaltungen gezwungen. Meine Oma ist auch mal gerne für sich alleine gewesen, hat in den heim aber auch neue Freunde gefunden und hatte ein sehr schönes Zimmer für sich. Sie selbst hat gesagt, dass sie sich wohl fühlt und das ist immer das wichtigste!

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      • Das klingt wirklich ideal bei Deiner Oma (bei meiner war es ähnlich, nur war sie dement und hat nichts mehr davon mitbekommen), das würde ich mir auch wünschen, aber ob man sich das in vielen Jahren noch leisten kann, weiss ich nicht

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